Ein öffentliches Bild wird korrigiert.

Das öffentliche Bild von Heinrich Vetter zeigt ihn als noblen Mäzen und vielfach geehrten Bürger Mannheims. Es stellte sich heraus, dass er und seine Chronisten seine persönliche NS-Geschichte und die „Arisierungen“ systematisch verschwiegen haben. Das wirft Fragen auf.

Einige Antworten und unsere Recherchen haben wir in der Art von FAQ (frequently asked questions) zusammengefasst. Manchmal werfen wir aber auch Fragen auf, die noch niemand gestellt hat. Manche können wir beantworten, andere nicht.

Eine Zusammenstellung unserer Erkenntnisse mit vielen Dokumenten und Fotos, Stand 2012. Dokumentation zum Download549.73 KB

Titel der DokumentationWeiter:


Die jüdischen Vorbesitzer und ihr weiteres Schicksal

Es ist nicht einfach, den Lebensweg der jüdischen Vorbesitzer der von Familie Vetter arisierten Immobilien und Geschäfte zur verfolgen. Oft kennen wir nicht einmal den vollen Vornamen, manchmal wechselt die Schreibweise oder es gibt Menschen mit dem gleichen Namen. In der Emigration haben sich viele einen ganz neuen Namen zugelegt. Außerdem sind nicht alle aus Mannheim, was uns die Recherche sehr erschwert. Wir stellen nun einen Zwischenbericht zur Verfügung.

P1,1 B. Kaufmann

Das Geschäft hieß „B. Kaufmann, Spezialgeschäft für Damenmoden“. Es war von Bernhard Kaufmann 1906 gegründet worden. Das Grundstück P 1,1 gehörte Julius und Louis Landauer (Stuttgart), die in Stuttgart eine Manufakturwarenhandlung betrieben. Über die Schicksale dieser Kaufleute wissen wir nichts. Restitutionsakten sind nicht ermittelbar.

L 4,1 Hermann Mayer

Geboren am 1.1.1877 in Neidenstein, war freier Handelsvertreter, was damals ein angesehener und lukrativer Beruf war. Er arbeitete wohl auch für das Kaufhaus Vetter. Ihm gehörte das Wohnhaus in L 4,1 erst seit 1935. Frieda Vetter kaufte das Haus am 3.12.1938. Mayer zog vorübergehend in die Werderstraße 3 und emigrierte am 8.2.1939 nach Brüssel. 1965 kam er von Brüssel zurück nach Mannheim und starb hier im Alter von 93 Jahren am 13.3.1970 im jüdischen Altersheim. Er war unverheiratet. Es konnten keine Restitutionsakten ermittelt werden.

Das Haus L 4,1 hatte ursprünglich der Heidelberger Bauunternehmer Bungert gebaut, der es in den 1920er Jahren an den jüdischen Bankkaufmann Kurt Haas (1897 geb. in Bensheim) verkaufte. Kurt Haas verkaufte es an Hermann Mayer und emigrierte am 30.12.1934 nach Palästina, von dort aus Ende 1937 weiter in die USA.

Andere jüdische Bewohner des Hauses waren:

Dr. Fritz Kaufmann, geboren 25.6.1878 in Mannheim. Er zog nach dem Verkauf an Frieda Vetter nach L 5,4, emigrierte am 08.08.1939 nach England und starb dort am 11.11.1944 im Alter von 66 Jahren.

Der von den Nazis entlassene Landgerichtsrat Dr. Walter Leser (geb. 29.6.1877 in Heidelberg) wurde 1940 nach Gurs deportiert, hat in Frankreich überlebt, kam 1947 zurück und starb am 1.10.1948 im Alter von 71 Jahren in Mannheim.

N 7,4 Samt und Seide Lion und Martin Wohlgemuth

Geschichte von Samt und Seide:

Gegründet wird die Firma 1891 als Hutgeschäft in G 3,1 durch die Geschwister Melanie und Sofie Gutmann. Sofie zieht sich nach einigen Jahren aus dem Geschäft zurück, Melanie heiratet Lion Wohlgemuth (geb. 14.5.1871 in Mannheim, gest. 15.10.1938 in Mannheim), der die Firma unter dem Namen „Mannheimer Hutfabrik GmbH – Lion Wohlgemuth“ vergrößert. Sie betreiben nun nicht mehr nur Großhandel von Damenhüten und Putzwaren, sondern stellen diese auch selbst her. Sie wohnen am Oberen Luisenpark 9 und haben zwei Kinder: Martin und Klara/Cläre Wohlgemuth.

Klara (geb. 13.8.1898) heiratet am 4.10.1923 Paul Rothschild und zieht nach Freiburg.

Unter der Geschäftsführung von Lion Wohlgemuth expandiert die Firma Samt und Seide. Ab 1902 hatte das Unternehmen Filialen in Ludwigshafen, Karlsruhe, Pforzheim, Konstanz, Straßburg, Essen, Saarbrücken, Frankfurt, Gelsenkirchen. 1911 lässt er in G 3 einen Neubau errichten.

Ca. 1925 hat die Firma etwa 500 Beschäftigte. Sie firmiert nun unter „Mannheimer Hutfabrik Martin Wohlgemuth“, d.h. der 26jährige Sohn war in das Unternehmen eingestiegen, das sich neben dem Großhandel mit der Herstellung von Filz- und Strohhüten befasst.

Dr. Martin Wohlgemuth, geboren 7.10.1899 in Mannheim, studiert und promoviert und ist als „Fabrikant“ von „Samt und Seide“ im Mannheimer Adressbuch eingetragen. Er wohnte in der Leibnitzstraße 6.

Unter seiner Leitung kommt es zu einer noch größeren Erweiterung des Betriebs: Er gibt den Bau des größten und modernsten Geschäftshauskomplexes für ganz Baden bei dem berühmten Frankfurter Architekten Fritz Nathan in Auftrag. Es wird in N7 in den Jahren 1927–29 in zwei Bauabschnitten fertig gestellt. Zunächst das Geschäfts- und Fabrikationshaus in N7, 4 mit einem 600 qm großen Hofbau, dann wird für die Berliner Terra AG das Turmhaus in N 7,3 gebaut, in das das UFA-Kino und das Deutsche Beamten Warenhaus einzieht.

Zu seinen Kunden gehört auch das Kaufhaus Vetter am Tattersall, das 1936 das Turmhaus gemietet hat. Vetter beginnt sogleich mit Verhandlungen über den Kauf des Grundstücks und Gebäudekomplexes der Firma Samt und Seide. Die Verhandlungen ziehen sich über zwei Jahre hin, weil Wohlgemut die Immobilie und das Grundstück nicht ohne die Firma, die jetzt nur noch ca. 100 Beschäftigte hat, verkaufen will. Am 13.4.1938 verkauft er seine Firma an Heinrich Vetter senior.

Wenige Monate nach der Arisierung der Firma Samt und Seide, am 15.10.1938, stirbt der Gründer Lion Wohlgemuth mit 67 Jahren in Mannheim. Während der Vater noch vor dem Novemberpogrom starb, emigriert Dr. Martin Wohlgemuth (später Worth) am 15. 1. 1939 nach England, im Mai 1939 weiter nach Kenia, dort stirbt er am 10.12.1964 mit 65 Jahren.

Das Wohnhaus von Lion Wohlgemuth im Oberen Luisenpark Nr. 9 wird 1938 von M. Stromeyer, Lagerhausgesellschaft, gekauft.

In den Immobilien und G 3,1, und G 3,20, die Lion Wohlgemuth gehörten, waren weiterhin Hutgeschäfte ansässig, die ebenfalls arisiert wurden. 1937/38 hatte dort noch die Witwe Maria Wohlgemuth gewohnt. Wir wissen nicht, wessen Witwe sie war. Das Hutgeschäft Limbeck übernahm das Geschäft, als Eigentümer des Grundstücks wurde 1941 „Vogel“ angegeben.

B 1, 2-3 Firma Hut- und Putzvertriebs GmbH Gustav Zimmern

Gustav Zimmern, geboren 18.10.1877 in Mannheim, emigrierte am 1.3.1940 über Genua nach USA. Dort ist er am 19.8.1955 in New York gestorben. Es konnten keine Restitutionsakten ermittelt werden.

Karlsruhe: Firma Hugo Landauer

Der Besitzer war Julius Levy, Karlsruhe. Heinrich Vetter zahlte am 4.4.1960 auf dem Weg eines Vergleichs 75.000 DM an Julius Levy

Ilvesheim: Moritz Kaufmann

Besitzer des Grundstücks in der Schlossstraße in Ilvesheim, das am 13.4.1938 von Carl Heinrich Vetter für 15.000 RM gekauft wurde. Moritz Kaufmann überlebte und bekam im November 1951 eine Nachzahlung von 13.000 DM.

Quellen:

  • Adressbücher Mannheim
  • Dr. Christiane Fritsche, Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt. 2013
  • Mitteilungen des Stadtarchivs Mannheim
  • Mannheim, das Kultur- und Wirtschaftszentrum Südwestdeutschlands, hrg. von der Stadtreklame 1928

Stand der Recherche April 2020

Was hat Heinrich Vetter im Krieg gemacht und erlebt?

Die sechs Jahre der Kriegsteilnahme von Heinrich Vetter wird auf der Webseite der Vetter-Stiftung nur in zwei dürren Sätzen behandelt.

„Als 1939 der Krieg beginnt, meldet sich der Kaufmannssohn als Freiwilliger zum Militär. Zum Offizier befördert, erlebt er 1941/42 schwere Kämpfe am russischen Mittel- und Südabschnitt. Ein Bauchschuss, der ihn 1944 lebensgefährlich verletzt, wird zum einschneidenden und prägenden Erlebnis. Im Mai 1945 gerät er in französische Gefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wird.“

Die nicht veröffentlichte Chronik des Kaufhauses Vetter aus dem Jahr 1960 gibt mehr Auskunft. Diese Chronik ist im Stadtarchiv einsehbar. Sie zeichnet die militärischen Ehren sowie seine Dienstgrade akribisch nach. Und die Einsatzorte und Jahreszahlen werden benannt. Wir haben die tatsächlichen Kriegsereignisse die hinter den Orten stehen mit Links zu wikipedia versehen.

„Der Zweite Weltkrieg sah Heinrich Vetter von den letzten Augusttagen an als Soldat. Aufgrund freiwilliger Meldung zur Kraftfahrtruppe eingezogen, stand er seit Mai 1940 in Belgien (Brüssel) und dann in Frankreich (Paris). Anschließend daran wurde er bei den England-Invasions-Stäben eingesetzt. Nach Kommandos zu Verwaltung, die ihn als Kriegsverwaltungsrat in Wiesbaden und Paris sahen, meldet er sich im Winter 1941 zur Fronttruppe nach Russland und wurde dort Offizier.

In Russland stand er bei einer Panzerdivision, später wurde er Kompanieführer, zeitweise war er auch Regimentsadjutant und Ordonanzoffizier. Er nahm an den schweren Abwehrschlachten an der russischen Südfront teil und wurde durch Bauchschuss schwer verwundet. Zwischendurch Adjutant der Heeresunteroffizierschule in Ravensburg, führte er zum Schluss noch mal eine kleine Panzerabwehrkampfgruppe und kam nach Ausbruch aus der „Alpenfestung“ im Mai 1945 in Gefangenschaft.

Als Soldat erwarb er sich das EKI und das EKII , das Panzerkampfabzeichen und das Silberne Verwundetenabzeichen. Schließlich durfte Heinrich Vetter jun., aus der französischen Gefangenschaft im Januar 1946 zurückgekehrt, mit gutem Gewissen sagen, dass er den an ihn gestellten Pflichten als Soldat in jeder Beziehung nachgekommen war. Er hatte vieles gesehen und erlebt.

Quelle: Chronik des Kaufhauses Vetter GmbH Mannheim, archivalisch bearbeitet von Dr. Neumeyer und Dr. Erfurt, erschienen 1960, Signatur in der Bibliothek des Stadtarchivs Mannheim: 2002 B 127

Was Heinrich Vetter im Krieg alles gesehen hat, wäre eine gründliche Forschung wert.

Zufallsfund: Vetter-Werbung in NS-Blatt seit 1931

Seit 1931, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis, erscheint der „Hakenkreuzbanner“ als örtliche Parteizeitung der NSDAP in Mannheim. Von Anfang an macht das Kaufhaus Vetter darin Werbung. Zu ihrem fünften Jubiläum am 12. 1. 1936 schaltet das Kaufhaus Vetter eine Anzeige, in der es sich dazu bekennt: „Wir werben in HB seit Gründung des HB mit Erfolg!"

Heinrich Vetter und seine Schwester, die am 30. 6. 1934 das Modehaus B. Kaufmann am Paradeplatz „übernommen“ hatten, annoncieren: „Wir werben mit Erfolg im HB seit Gründung unserer Firma. Das große deutsche Fachgeschäft für Damenbekleidung“.

Rechts: Anzeige im Hakenkreuzbanner vom 12. 1. 1936

Anzeige im Hakenkreuzbanner vom 12. 1. 1936

Die Auseinandersetzung mit der „Causa Vetter“ seit 2004

Heinrich Vetter ist seit 1999 Mannheimer Ehrenbürger. Er ist in Mannheim als der spendabelste Mäzen und Förderer bekannt, die Heinrich-Vetter-Stiftung setzt dies nach seinem Tod 2003 fort. Bei der Ausstellung „Betrifft: Aktion 3“ im Jahr 2005 wurden einige bislang unbekannte Fakten zum Kaufhaus Vetter und seine Beteiligung am Arisierungsgeschehen benannt – z.B. als Vermieter der VVV (Verwertungsstelle für Volksfeindliches Vermögen) -, ohne dass diese Erwähnung größeres Aufsehen erregt hätte. Das ändert sich schlagartig, als nach dem Ende der Ausstellung die Bildzeitung (Regionalausgabe) versucht, mit Heinrich Vetters verschwiegener Vergangenheit Schlagzeilen zu machen. Die Vetterstiftung – zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Geschäftsführer Esser – schäumt und beschuldigt den AK-Justiz das Ansehen Heinrich Vetters in den Dreck zu ziehen.

rechts: Aufmacher der Bildzeitung

Aufmacher der Bildzeitung

Arisierungen durch Heinrich Vetter und seine Familie

Schon allein wegen dieser Vorwürfe bleiben wir am Thema „Heinrich Vetter“ und „Arisierungen in Mannheim“ dran. Recherchen des AK-Justiz ergeben, dass die Familie Vetter insgesamt acht Arisierungen von Geschäften und Grundstücken in Mannheim und Karlsruhe betrieben hat. Eine Anfrage beim Berliner Bundesarchiv ergibt: Heinrich Vetter trat am 1. 5. 1933 in die NSDAP ein. Über die Spruchkammerakten wird später noch bekannt, dass er auch Mitglied im NS-Studentenbund und zeitweise in der SA war. Er arisiert mit seiner Schwester Geschäfte in Mannheim und Karlsruhe und er war noch vor dem 2. Weltkrieg Geschäftsführer des arisierten Unternehmens „Samt und Seide“ in N7. Er war also an den Arisierungen auch persönlich beteiligt.

Und jetzt noch eine „Vetter-Straße“?

Doch unbeschadet dieser und weiterer Enthüllungen soll im März 2009 eine Ringstraße nach Heinrich Vetter benannt werden. Dies nimmt der AK-Justiz zum Anlass, den Hauptausschuss des Gemeinderats und den Oberbürgermeister mit den bislang bekannten Fakten zu Vetters NS-Verstrickungen zu konfrontieren und fordert dazu auf, eine Straßenbenennung nicht zu beschließen. Und nach einigen Monaten verschwindet diese Sache sang und klanglos in einer Verwaltungsschublade. Eine öffentliche Auseinandersetzung darum findet nicht statt.

2009/2010:
Die Auseinandersetzungen nehmen Fahrt auf

Mitte des Jahres 2009 beginnt die Historikerin Christiane Fritsche ihre Forschung zur Aufarbeitung der Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim. Die Vetterstiftung beteiligt sich demonstrativ mit 30 000 Euro an dem Forschungsprojekt, man sei überzeugt, alle Vorwürfe seien „haltlos“.

Doch so einfach wie die Retusche eines Fotos geht es nicht mehr. Es wird nie herauskommen, wer in diversen Nachkriegsveröffentlichung das Hakenkreuz auf der Fahne am Modehaus Geschwister Vetter am Paradeplatz so unprofessionell entfernt hat.

Retuschiertes Bild von der Hakenkreuzfahne am Geschäft der Geschwister Vetter

Mannheimer Erinnerungskultur zur „Arisierung”

Im Jahr 2012 veranstaltet das Stadtarchiv die Reihe: "Mannheimer Erinnerungskultur zur Arisierung". Flyer der Stadt Mannheim zur Veranstaltungsreihe hier zum Download

Damit „sucht die Stadtverwaltung die historische Aufarbeitung und lebendige Auseinandersetzung, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Frau Fritsches Zwischenbericht untermauert Vetters Verstrickungen und Verschweigen - in dieser Hinsicht ist Heinrich Vetter ein Beispiel unter Vielen. Allerdings: Heinrich Vetter ist Ehrenbürger der Stadt Mannheim. Einige städtische Örtlichkeiten sind sogar nach ihm benannt. Daher war eine Neubewertung seiner Rolle und Person dringend erforderlich.

Heinrich Vetter ist durch sein anerkanntes Mäzenatentum, seine Stiftung und durch seine vielfachen Ehrungen ein ganz besonderer Fall - und gleichzeitig ein prominentes Beispiel für das Schönreden oder Weglassen, was nicht ins Bild passt. Der Arbeitskreis Justiz wagt sich an das heiße Eisen: "Wir wollen mit unserer Veranstaltung erreichen, dass das Verschweigen ein Ende hat und eine produktive Auseinandersetzung beginnen kann."

Veranstaltung "Wortwechsel" im übervollen Saal

Der Beitrag des AK-Justiz in dieser Reihe des Stadtarchivs ist die Erarbeitung eines inszenierten und bebilderten Wortwechsel mit dem Titel „arisieren – verschweigen – stiften. Der rechtschaffene Kaufmann Heinrich Vetter – ein öffentliches Bild wird korrigiert.“ Dies wird am 9. Mai 2012 im Forum der Jugend in Mannheim aufgeführt. Im völlig überfüllten Großen Saal des Forums findet es eine breite Resonanz.

Der Text dieser Veranstaltung kann hier heruntergeladen werden.
Dokumentation zum Download

Ehrenbürgerschaft? Info-Tafeln sollen es richten

2013 veröffentlich Christiane Fritsche ihre Forschungsergebnisse zur Arisierung in Mannheim: insgesamt gab es 2805 Arisierungsfälle, bei denen 1600 Betriebe und 1250 Grundstücke unter Druck und deutlich unter Wert in „arische“ Hände gingen. Die Stadt Mannheim ist der größten Nutznießer hierbei gefolgt von der Familie Vetter mit acht Arisierungen, zielstrebige Kaufleute, die sich durch günstige Besitzübernahmen vormals jüdischen Eigentums in der NS-Zeit bereicherten.

Nach mühsamen Diskussionen zwischen Oberbürgermeister, Stadtarchiv, Wissenschaft, Vetterstiftung, Jüdischer Gemeinde und AK-Justiz beschließt der Gemeinderat im Sommer 2013, Heinrich Vetter die Ehrenbürgerschaft nicht abzuerkennen, aber wegen der Herkunft des Vermögens aus Arisierungen bei den Ehrungen eine Zusatztafel anzubringen. Der Text der Zusatztafeln ist enttäuschend. Wir hätten eine klarere Stellungnahme zum lange vertuschten legalisierten Raub erwartet. Außer Lob für den Stifter enthält der Text sublime Rechtfertigungen, Abschwächungen und Auslassungen. Es fehlt die Benennung des nationalsozialistischen Unrechts.

Stellungnahme zum Text der Infotafel Download hier herunterladen.

Was bleibt?

Einige Institutionen nehmen kein Geld mehr von der Stiftung an. So schaffte der Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Mannheim den Vetter-Preis samt Preisgeld ab, auch aus den Erwägungen, dass die Gründung des Bereichs Sozialwesen auf eine Jüdin zurückgeht.

Die Jüdische Gemeinde hat die 1998 an Heinrich Vetter verliehene Ehrenmedaille wieder aberkannt.

Die Universität zieht Teilkonsequenzen: in aller Stille wird das Bild ihres Mäzen im Rektoratsflügel wieder abgehängt.

Unter neuer Leitung durch Prof. Frankenberg betont die Stiftung, man wolle einen neuen Schwerpunkt setzen, und mehr Projekte gegen Ausgrenzung von Minderheiten und Antisemitismus fördern. Auf der Webseite der Vetterstiftung findet man jetzt - ziemlich unvermittelt aber immerhin - das Wort „Arisierung“, in Klammern gesetzt, mit einem Link zu einem separaten PDF. Hier wird ein Artikel  von Christiane Fritsche zu den Vetterschen Arisierungen angezeigt.

Buchempfehlung!

Das spannend zu lesende Buch von Christiane Fritsche umfasst fast 1000 Seiten. Sie konnte allerdings „nur“ einen Bruchteil von den etwa 500 Regalmetern an Akten in den Archiven sichten. Sie hat ohne Zweifel das System der Arisierung und Wiedergutmachung gründlich und wegweisend wissenschaftlich aufgearbeitet. Damit hat endlich ein weiterer weißer Fleck der Forschung zur NS-Zeit Farbe bekommen.

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