Mannheimer Erinnerungskultur zur „Arisierung”

Im Jahr 2012 veranstaltet das Stadtarchiv die Reihe: "Mannheimer Erinnerungskultur zur Arisierung". Flyer der Stadt Mannheim zur Veranstaltungsreihe hier zum Download

Damit „sucht die Stadtverwaltung die historische Aufarbeitung und lebendige Auseinandersetzung, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Frau Fritsches Zwischenbericht untermauert Vetters Verstrickungen und Verschweigen - in dieser Hinsicht ist Heinrich Vetter ein Beispiel unter Vielen. Allerdings: Heinrich Vetter ist Ehrenbürger der Stadt Mannheim. Einige städtische Örtlichkeiten sind sogar nach ihm benannt. Daher war eine Neubewertung seiner Rolle und Person dringend erforderlich.

Heinrich Vetter ist durch sein anerkanntes Mäzenatentum, seine Stiftung und durch seine vielfachen Ehrungen ein ganz besonderer Fall - und gleichzeitig ein prominentes Beispiel für das Schönreden oder Weglassen, was nicht ins Bild passt. Der Arbeitskreis Justiz wagt sich an das heiße Eisen: "Wir wollen mit unserer Veranstaltung erreichen, dass das Verschweigen ein Ende hat und eine produktive Auseinandersetzung beginnen kann."

Veranstaltung "Wortwechsel" im übervollen Saal

Der Beitrag des AK-Justiz in dieser Reihe des Stadtarchivs ist die Erarbeitung eines inszenierten und bebilderten Wortwechsel mit dem Titel „arisieren – verschweigen – stiften. Der rechtschaffene Kaufmann Heinrich Vetter – ein öffentliches Bild wird korrigiert.“ Dies wird am 9. Mai 2012 im Forum der Jugend in Mannheim aufgeführt. Im völlig überfüllten Großen Saal des Forums findet es eine breite Resonanz.

Der Text dieser Veranstaltung kann hier heruntergeladen werden.
Dokumentation zum Download

Ehrenbürgerschaft? Info-Tafeln sollen es richten

2013 veröffentlich Christiane Fritsche ihre Forschungsergebnisse zur Arisierung in Mannheim: insgesamt gab es 2805 Arisierungsfälle, bei denen 1600 Betriebe und 1250 Grundstücke unter Druck und deutlich unter Wert in „arische“ Hände gingen. Die Stadt Mannheim ist der größten Nutznießer hierbei gefolgt von der Familie Vetter mit acht Arisierungen, zielstrebige Kaufleute, die sich durch günstige Besitzübernahmen vormals jüdischen Eigentums in der NS-Zeit bereicherten.

Nach mühsamen Diskussionen zwischen Oberbürgermeister, Stadtarchiv, Wissenschaft, Vetterstiftung, Jüdischer Gemeinde und AK-Justiz beschließt der Gemeinderat im Sommer 2013, Heinrich Vetter die Ehrenbürgerschaft nicht abzuerkennen, aber wegen der Herkunft des Vermögens aus Arisierungen bei den Ehrungen eine Zusatztafel anzubringen. Der Text der Zusatztafeln ist enttäuschend. Wir hätten eine klarere Stellungnahme zum lange vertuschten legalisierten Raub erwartet. Außer Lob für den Stifter enthält der Text sublime Rechtfertigungen, Abschwächungen und Auslassungen. Es fehlt die Benennung des nationalsozialistischen Unrechts.

Stellungnahme zum Text der Infotafel Download hier herunterladen.

Was bleibt?

Einige Institutionen nehmen kein Geld mehr von der Stiftung an. So schaffte der Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Mannheim den Vetter-Preis samt Preisgeld ab, auch aus den Erwägungen, dass die Gründung des Bereichs Sozialwesen auf eine Jüdin zurückgeht.

Die Jüdische Gemeinde hat die 1998 an Heinrich Vetter verliehene Ehrenmedaille wieder aberkannt.

Die Universität zieht Teilkonsequenzen: in aller Stille wird das Bild ihres Mäzen im Rektoratsflügel wieder abgehängt.

Unter neuer Leitung durch Prof. Frankenberg betont die Stiftung, man wolle einen neuen Schwerpunkt setzen, und mehr Projekte gegen Ausgrenzung von Minderheiten und Antisemitismus fördern. Auf der Webseite der Vetterstiftung findet man jetzt - ziemlich unvermittelt aber immerhin - das Wort „Arisierung“, in Klammern gesetzt, mit einem Link zu einem separaten PDF. Hier wird ein Artikel  von Christiane Fritsche zu den Vetterschen Arisierungen angezeigt.

Buchempfehlung!

Das spannend zu lesende Buch von Christiane Fritsche umfasst fast 1000 Seiten. Sie konnte allerdings „nur“ einen Bruchteil von den etwa 500 Regalmetern an Akten in den Archiven sichten. Sie hat ohne Zweifel das System der Arisierung und Wiedergutmachung gründlich und wegweisend wissenschaftlich aufgearbeitet. Damit hat endlich ein weiterer weißer Fleck der Forschung zur NS-Zeit Farbe bekommen.

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